Frank Gratkowski "Artikulationen"

frank gratkowski (alto & soprano saxophones)

1. diva (dedicated to agnes)
2. prae ratem
3. bächleinworte (for milena)
4. xanthippe
5. circulus
6. the mock turtle's dream
7. crow
8. micaco


Alle Kompositions von Frank Gratkowski (Gema)
Live aufgenommen im "Loft" und "Stadtgarten" in Köln am 17. Nov. 1990 und 20. Jan. 1991




Liner Notes zur CD von Bert Noglik


Frank Gratkowski "Artikulationen"

Die Stille und der Laut. Die Verknüpfung der Laute zu einer sinnvollen/ sinnlichen Struktur. Die Lautbildung sprachlicher Zeichen, die Gestaltung musikalischer Ideen, die Materialisierung des Immateriellen. Artikuliationen. Titel und Programm der Soloarbeit von Frank Gratkowski - eine Arbeit, hinter der verdammte Anstrengung steht und die sich doch die Leichtigkeit des Spielerischen bewahrt hat. Prozesse der Laut-und Klangbildung als langzeitig angelegte Auseinandersetzung mit den Spielmöglichkeiten des Saxophons: Erweiterung und Beschränkung des Gegebenen und zu Entdeckenden. Nichts anderes als der großangelegte Versuch einer Individualisierung der Klänge, das Zeichen von Lautgestalten im Raum. Flüchtiger Vorgang, unternommen mit dem Vorsatz, dem Moment gültige Gestalt zu verleihen. Spielverläufe, gewonnen und entwickelt aus der Praxis der Improvisation. Konzentriertes ausformen des Materials im Verlauf des Spielens selbst. Solomusik, als Ausdruck des Musikers, der die Klänge ersinnt und erzeugt: Frank Gratkowski.

Was mich beim Hören beeindruckte, war die Kongruenz von musaikalischen Ideen und instrumentaler Technik. nach all den Neuerungen, die von Saxophonisten in den letzten 25 Jahren entwickelt worden sind, wird eben jener Prozeß einer individualisierung des Spiels immer schwieriger. Frank Gratkowski gelingt das durch gezielte Arbeit an Klängen, Klangfolgen und -kombinationen wie auch durch strikte Auswahl, gelegentlich gar rigorose Reduktion des verwendeten Materials. So entstehen Stücke mit deutlich voneinander unterschiedenem Charakter, die dennoch zueinander in Korrespondenz stehen und im Prozeß des Spielens/ Hörens einen Gesamtzusammenhang erkennen lassen. Frank Gratkowski weiß sparsam und konzis mit der Melodik umzugehen. Auf der anderen Seite vermag er sich ganz auf den Klang zu konzentrieren und eine quasi minimalistische Komplexität zu entfalten. Je nach Intention erscheinen die beiden Aspekte voneinander getrenntt und miteinander verwoben. Die Mittel werden sinnvoll in einen Kontext gestellt und die musiaklischen Ideen mit Klarheit vorgetragen. Artikulationen erweist sich als ein mehrdeutig stimmiger Titel.

Gratkowski an einem Sommerabend im Kölner Stadtgarten. Obwahl wir uns zuvor noch nie begegnet sind, gelingt es uns, in der unübersehbaren Zahl von Menschen einander zu finden. Meine Bekanntschaft mit der Musik verknüpft sich mit dem Gespräch, mein Eindruck von Klangindividualität wird vertieft und erweitert. Ohne Vorrede kommen wir zum Wesentlichen, das sich so schwer in Worte fassen läßt, zur Intention. Diese enorme Herausforderung, immer noch weiterzugehen als Saxophonist. Die Steigerung: Soloarbeit. Auseinandersetzung mit dem -Instrument, um etwas erhellen zu können. Dazu unabdingbar: Technik. Doch eben nicht Einsatz technischer Brillanz als Blendwerk. Es ist unverkennbar, daß Frank Gratkowski von dem, was er tut, besessen ist. Reduktion, oder besser: Konzentration auf das, was musikalisch zu sagen ist.

Thelonius Monk hat diesbezüglich Standards gesetzt. Steve Lacy führte solche Spielgesinnung auf dem Saxophon fort. Frank Gratkowski erzählt, daß ihn vor allem drei Saxophonisten interessieren: Steve Lacy, Evan Parker und Anthony Braxton. Vor Jahren, als er noch in Hamburg lebte, hatte ihn die Spielweise von Charlie Mariano fasziniert und er sei dann auch extra nach Köln gefahren, um mit Mariano in Kontakt zu kommen. Mit der Zeit, Praxis und Erfahrung drängte Frank Gratkowski in eine andere Richtung, hin zu einer vergleichsweise puren Klangästhetik. Er fuhr nach Paris, um von Steve Lacy zu lernen. Soloarbeit im Privaten. Dann einmal war ein Konzert mit einem Gitarristen angesagt, der Gitarrist jedoch verhindert. Der Sprung: Frank Gratkowski spielte solo (Sopransaxophon!), und das in einem Programm, in dem auch Steve Lacy aufgetreten war. Die überwindung zum Selbst und die Beschäftigung mit dem anderen. Frank Gratkowski erzählt von der Auseinandersetzung mit den Partituren Stockhausens und Scelsis. In der Neugier ähnelt er Musikern, mit denen er verbunden ist, gleichfalls Improvisatoren mit wachem Sinn für die Neue Musik: Georg Gräwe, Klas König, Radu Malfatti ...

Am Rande dann auch Technisches/ Artifizielles. Zirkularatmung, Spalt- und Mehrklänge, Klappen-, Luft-, Klangkombinationen, Perkussives und Gesangliches. Frank Gratkowski und die Assoziationen seines Gegenüber, des Zuhörenden: Sprachnähe und artifizielle Transformationen bis hin zu 'ähnlichkeiten mit elektronischen Klängen, Schreilaute und Rascheln in der Nacht, Tierlaute und chorische Gesänge. Oder auch ganz frei von allen Nebenbedeutungen: Zeichen im Raum, artikuliert durch Schwingungen vervorrufende Atemluft. Ein abstraktes Unterfangen mit individuellem Anspruch.

Frank Gratkowski, geboren 1963 in Hamburg, beginnt mit 16 Jahren Saxophon zu spielen, absolviert den "Modellversuch Popularmusik" an der Hamburger Musikhochschule, kommt 1985 nach Köln, wo er an der Musikhochschule von 1985 bis 1990 bei Heiner Wiberny studiert. Er spielt 1988 im Workshop Ensemble von Muhal Richard Abrahms. Im gle ichen Jahr beginnt die Zusammenarbeit mit Klaus König (Septett und Orchester), mit der Franck Band, sowie dem Trio Ecker/Kaufmann/Gratkowski.

1989 ist Frank Gratkowski u.a. als Mitglied der Gunter Hampel Big Band, sowie als Solist des Studio-Orchesters (WDR-Nachtmusik) zu hören.
1990 entsteht das Duo mit dem Gitaristen Thomas Ernst. Frank Gratkowski wird Mitglied in Georg Gräwes Grubenklangorchester und beginnt, Solokonzerte zu geben. 1991 finden sich Frank Gratkowski, Georg Gräwe und Achim Krämer zum Trio zusammen, Frank Gratkowski arbeitet als Gastsolist der WDR-Bigband und wird mit seinem Soloprogramm Preisträger im Wettbewerb "Musik Kreativ" ...

Die vielen Stimmen im Stadtgarten, draußen, wenn es langsam Abend wird. Eine Geräuschkulisse aus so vielen Einzelunterhaltungen, Nichtigkeiten und Wichtigkeiten. Das Verdeutlichen des Einzelnen durch Nähe und Artikulationen. Frank Gratkowski im Gespräch und dann - mit Abstand - wieder Solo mit Sopran- und Altsaxophon: die Aufzeichnung eines musiklischen Anspruchs, Zeugnis prozessualen Bemühens um die Individualisierung des Klanges, um die Entsprechung von spontanem Spiel und Struktur.

Bert Noglik



zur CD Auswahl         zum Seitenanfang