review in "the improviser"
liner notes
Ein Saxophon-Trio also. Und wenn man mich nach einem Saxophon-Trio in der hier vorgestellten Besetzung und das sind Holzblasinstrumente, Bass und Schlagzeug oder besser Perkussion fragen würde und ich schnell antworten müßte, würde ich antworten:
Albert Ayler, Ornette Coleman, und Anthony Braxton. Keine schlechte Wahl.
Nur daß die Trios der drei Saxophongiganten wohlmöglich eine falsche Fährte legen und erst recht nicht als "Vorbilder" für das Projekt von Frank Gratkowski taugen.
Die "Gestalten" werfen ihren eigenen Schatten voraus.
Wer dennoch eine Referenz möchte, sei darauf hingewiesen,daß die drei am stärksten dem Braxton-Trio verpflichtet zu sein scheinen und den anderen beiden Bands je ein Pfund Respekt zollen.
Tatsächlich entwickeln Gratkowski, Manderscheid und Hemingway auf der Grundlage von Fragmenten, notierten oder graphisch vorgezeichneten Strukturen, ihre Improvisationen und erarbeiten sich mit diesem Vorgehen eine Post-Braxton-Position.
Dabei sind sie einem schönbergschen konstruktivistischem Expressionismus oder expressionistischen Konstruktivismus (wie Heinz-Klaus Metzger das mal genannt hat) ebenso verpflichtet wie aylerscher Explosivität und radikaler emotionaler Authentizität.
Der entscheidende Fortschritt von Gratkowski/ Hemingway/ Manderscheid erklärt sich allerdings erst dadurch, daß man beschreibt, was man im Verhältnis zu den drei als Referenz genannten Bands nicht hört.
Man hört hier vor allen Dingen ein Trio. Drei Spieler, die mit Hilfe thematischer, melodischer oder rhythmischer Bausteine mehr Finden als Suchen.
Und trotz der kuriosen Tatsache, daß sie erstmalig zusammenspielen, klingen sie, als würden sie sich schon seit Jahren kennen. Das liegt zu einem großen Teil an Dieter Manderscheid, ein Bassist zweiter Ordnung, der nicht time spielt, sondern mit den Möglichkeiten chronometrischer und Erlebniszeit. Das heißt, Manderscheid spielt keinen Rhythmus, sondern verdichtet und öffnet Ereignisse in der Zeit unabhängig oder auch abhängig von der tatsächlichen Zeit: wie es gerade paßt, aber eben so, daß es genau paßt. Hemingway ist da ein idealer Kollege, er spielt Stimmungen und ist nicht nur ein ausgesprochen melodischer, er ist ein nachgerade impressionistischer Schlagzeuger.
Gratkowski bedient alle erweiterten Saxophon-, Klarinetten-, usw-Techniken: überblasen, Vierteltönen, Flatterzüngeln, whatever you need to be funky.
Dabei zeigt er (wie Hemingway und wie Manderscheid) eine außergewöhnliche strukturelle Intuition, er spielt für eine Musik, die nur entstehen kann, wenn mehrere für sie spielen.
"Gestalten" ist deshalb eher Duke Ellington oder Charles Mingus oder Gil Evans verpflichtet als der sogenannten frei improvisierten Musik.
Die CD hat konzeptuelle Dichte und Vielseitigkeit und fällt doch vom Himmel, vermittelt also eine scheinbar strukturierte Spontaneität, deren einzelne Elemente im klassischen Jazzsinne immer etwas bedeuten.
Das Trio spielt Balladen ("movements" und "ernestine"), die den Tag vergessen machen und Abräumer (z.B. "duck hunt" und "dancing derwish"), die die Nacht nicht enden lassen.
Das Trio ist damit Teil der neuen Jazzschule, die diese Musik als Spielhaltung und nicht als Repertoiremusik definiert. Das ist echtes Vergnügen ohne Reue, mit Hirnschmalz und sexy Sounds, die Quadratur des Kreises und Kopfmusik für den Bauch. Lange Kurzweil. Fucking Groovy.
Markus Müller
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