Loft Exil 3 "Live in Moers '98"

frank gratkowski (alto saxophone, clarinet, bass clarinet)
matthias schubert (tenor saxophone)
ernst reijseger (cello) 1+2
dieter manderscheid (bass)
achim krämer (drums)

1. am boden
2. pferdsprung
3. epitasis

all compositions by the musicians except "Epitasis" by Gratkowski (Gema)
recorded live at "Moers Festival" Germany 30.5.+1.6.1998




liner notes


Loft Exil III

Gratkowski / Schubert / Manderscheid / Krämer + Reijseger

Den Wagen in irgendeinem Wohngebiet abgestellt, ging es quer durch den Freizeitpark des Moerser New Jazz Festivals, vorbei an zigtausend friedlich kampierenden Hippies, die zu dieser Uhrzeit, 11 Uhr morgens, schon erstaunlich fit waren und für den berüchtigten Moerser Festivalsgeräuschpegel aus ungezählten malträtierten Bongotrommeln sorgten. Schließlich im hinteren Eck des Geländes ankommend, am Ort unserer Begehrlichkeiten, der Sporthalle eines Aufbaugymnasiums, liefen wir aufgeregt herum: Wo ist der Eingang? Hörst Du was? Die haben doch schon aufgehört! Um diese Uhrzeit?

Dann trafen wir doch noch auf die Schlange vor der Eingangsschleuse und für unsere Ungeduld viel zu lange wartend, standen wir endlich auf dem Schulhof. Links, in der Aula, gab es die eklektizistischen Japaner vom Shibusashirazu Orchestra. Und rechts, was läuft da? "Free Jazz!" Aha.

1998 bekam der Kölner Impresario Hans-Martin Müller zum dritten Mal die Gelegenheit, auf dem Moerser Festival, abseits des Festivalspektakels an jeweils vier Vormittagen Ausschnitte aus der Szene zu präsentieren, die sich in bald 10 Jahren rund um sein Ehrenfelder Loft formiert hat: eine dezentralisierte, weit verzweigte Vernetzung von exzellenten Musikerinnen und Musikern, die sich locker um die Pole Freie Improvisation, aufgeklärtem Jazz und junggebliebener Neuer Musik gruppieren.

Harter Kern von Müllers 98er Loft Exil war das Quartett aus den Holzbläsern Frank Gratkowski, Matthias Schubert, dem Bassisten Dieter Manderscheid und Achim Krämer am Schlagzeug. Ergänzt, erweitert und in Frage gestellt wurde die Gruppe von einer Reihe von abwechselnd hinzustoßenden Gästen wie dem Cellisten Ernst Reijseger. Obwohl es sich bei dem Quartett resp. dem Quintett mit Reijseger um eine Adhoc-Combo handelte, ist das Reservoir der Musiker an gemeinsam gemachten Erfahrungen und gemeinsam geteilten Erfahrungen reichhaltig: Frank Gratkowski spielt seit Jahren mit Matthias Schubert im Duo, Dieter Manderscheid ist im Gratkowski Trio unumstößliche Konstante, Gratkowski und Achim Krämer waren gemeinsam in verschiedenen Formationen des Pianisten Georg Graewe zu hören, in dessen legendärem Trio wiederum Ernst Reijseger auftauchte. Man kennt sich.

IMitten in der Turnhalle bot sich uns ein überwältigendes Bild, über den Boden oder auf bereitgestellten Turnmatten verstreut lagen die Zuhörer, wahlweise mit übermüdung (Restalkohol!) oder mit überforderung (Free Jazz!) kämpfend aber die Musik in allen ihren Verwerfungen goutierend.
An der hinteren Querseite wurde um Form und Ausdruck gerungen: die beiden Saxophonisten gekrümmt, der Bassist souverän, der Cellist mit sichtbarem Spaß und der Schlagzeuger prustend.
Euphorie stellte sich ein. Erst herumgehetzt, dann am frühen Morgen in der Schlange gestanden und jetzt hier, mitten im Geschehen stehend, das sich um all das nicht kümmert und einzig um die Frage kreist, wie innerhalb offener, nicht vorab festgelegter Strukturen die egalitäre Balance der (Instrumental-) Stimmen, wie sich die übergänge - von laut zu leise und allem, was dazwischen liegt- gestalten lassen, wie sich das gemeinsame Vokabular ohne Umschweife in eine verbindliche Syntax transformiert.
Was für ein Augenblick - zu plötzlich, um erhaben zu sein.

Mit einem halben Jahr Abstand neu gehört, stellt sich dieses Ereignis um so nachhaltiger dar.
Bei aller offensichtlichen Spielfreude scheinen die Musiker sich in jedem Moment darüber im Klaren, was sie da machen. Die Musik ist, obwohl größtenteils improvisiert, von einem Strukturbewußtsein geprägt, das ihr thematisches Material, bisweilen sogar Swing impliziert und so die Mehrstimmigkeit auf unterschiedlichen Ebenen nicht zugunsten puren Powerplays oder falsch verstandener Klangforschung aufgibt. Diese Mehrstimmigkeit ist ein gemeinsames Anliegen. Auch wenn, beinahe naturgemäß, die beiden Bläser viel Aufmerksamkeit erregen, sind es doch der Ideenreichtums Krämers, die Unerschütterlichkeit Manderscheids und der Witz Reijsegers, die die Höhenflüge Gratkowskis und Schuberts ermöglichen.

Passagen, die zunächst ins Leere laufen, machen im Fortgang ihrer selbst Sinn und lassen den prozeßhaften, organisch pulsierend erscheinenen Charakter der Musik offenbar werden. Obwohl das Gespielte ganz dem Moment verpflichtet ist, gibt er innerhalb dieser Instantkompositionen (Rück-)Verweisungen und plötzliche Wendungen, die ohne ein vermittelndes Bewußtsein der Musiker bloß willkürlich wären. Das zeugt von einer Freiheit im Umgang mit dem erfahrungsgewonnenen, instrumentaltechnischem Material, die man, wäre das Wort historisch gesehen nicht so mißverständlich, tatsächlich Free Jazz nennen kann. Oder die an die Restrukturalismen Anthony Braxtons erinnert. Nicht zuletzt trägt die explosive Komposition Frank Gratkowskis, mit ihrem eckig-rasantem Thema, deutliche Züge einer Hommage.

Aber damals, Pfingsten 1998 in einer niederrheinischen Turnhalle, kurz vor high noon, spielte das keine Rolle. Willig ließen wir uns von diesem Kontexttransfer mitreißen. Das Plötzliche kann manchmal sehr merkwürdig sein.

Felix Klopotek, April 1999



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